1 – Holzwirtschaft im Böhmerwald und im Bayrischen Wald

Das alte Wehr, an der Wottawa, hier auf Kilometer 98,9, führte das Wasser, irgendwann ab dem 18 Jahrhundert nacheinander an einige Wasseranlagen, die in der Ansiedlung Braunau (oder auch Brunau bzw. Branau, tschechisch Braunov oder Branov, bzw. Vranov), die später Bestandteil der Ortschaft Langendorf (Dlouhá Ves) wurde, heran. Heute wurde ein Teil des beschädigten Holzwehrs durch einen aufblasbaren Beutel ersetzt. Für Boots- und Kanufahrer ist das Wehr fast unbefahrbar, denn aus der alten Holzkrone des Wehrs stehen Nägel heraus, und beim Befahren könnte das Boot beschädigt werden.
Auf der Karte der I. Militärkartographie (1764–1768), ist das Wehr schon eingezeichnet. Es betreibt ein Wasserrad des hiesigen Pochwerkes im Hausnr. 44 an. Im Jahr 1788 betreibt das Pochwerk Andreas Hatzinger. Interessant ist die Bezeichnung des Hügels südöstlich vom Pochwerk, der in der Karte mit dem Namen Einsiedlerey aufgeführt ist und mit einer Kapelle und einem Haus eingezeichnet ist. Es könnte sich um eine ehemalige Eremitenzelle handeln. Auf der Karte des stabilen Katasters (1824-1843) dient das Wehr zum Einem als Antrieb für das Pochwerk, und auch für zwei Mühlen in den Hausnr. 45 und 46. In dieser Zeit werden hier auch an einem Sägewerk Bretter geschnitten. Außerdem gab es auch fünf Dominikalhäuser.
Im Jahr 1882 wird das alte Pochwerk vom Johannes Schell gekauft, der aus dem deutschen Hanau am Main gekommen ist und er baut die Werkstatt für die Holzdrahtfertigung um. Im Jahr 1885 beginnt er gemeinsam mit seinem Neffen den Bau einer Fabrik für Zündhölzer, und seine späteren Erzeugnisse bietet er am Markt unter der Bezeichnung Schell & Neffe, Langendorf (Dlouhá Ves) an. Gelegentlich „missbrauchen“ sie den Ruf der berühmteren konkurrierenden Schüttenhofer Zündhölzer mit der Bezeichnung Schüttenhofener (Sušice). Zu Beginn arbeiteten in der Zündholzfabrik nur 25 Mitarbeiter an 4 Einlegemaschinen. Die ersten Zündhölzer waren rund mit einem Schwefelkopf und hatten Märchen- oder Karnevalsetiketten. Die Zündhölzer werden auch in exotische Länder exportiert, und deshalb findet man oft Etikettenmotive mit fremdartigen Vögeln oder Insekten auf den Schachteln vor. Leider brannte die Zündholzfabrik im Jahr 1888 fast komplett aus und sie musste wieder neu aufgebaut werden. Damit ein Unheil nicht zu wenig ist, zwei Jahre später verletzte sich Johannes Schell tödlich, und die Leitung der gesamten Fabrik übernimmt sein Neffe Theodor. Der erweitert die Produktion um Jalousien, Wurstspeiler oder Zahnstocher. In Heimarbeit wurden Papieranzünder für Pfeifen s.g. Fidibusse hergestellt. Theodors Bruder Louis beginnt farbige Zündhölzer herzustellen. Das Holz für die Zündholzproduktion wurde über den alten Kanal angeschwemmt. Die Zündholzproduktion endet im Jahr 1897. Nach dem Jahr 1900 werden hier Zinnfolien und Verschlüsse für Wein- und Sektflaschen produziert. Im Jahr 1919 stirbt Theodor im Alter von 58 Jahren, sein gleichnamiger Sohn und Nachfolger stirbt ein Jahr später an den Verletzungen, die er bei der Jagt erlitten hat, und so übernimmt die Firma ein weiterer Sohn von Theodor, der Elektroingenieur Karl Schell (geboren am 19.Dezember 1892 in Langendorf, verstorben am 2.Juni 1945 ebendort). Er modernisiert die Fabrik, und nimmt im Jahr 1922 wieder die Zündholzproduktion auf. Mit wachsendem Stromverbrauch modernisiert er das Elektrizitätswerk. Bis zu 70 Arbeiter bauen einige Jahre lang einen neuen Wasserzuleitungskanal und tauschen die Turbine aus. Nach der Modernisierung des Elektrizitätswerkes wird von hier auch der ganze Ort mit Strom versorgt.
Im Jahr 1934 heiratet Karl Schell die Tochter des ehemaligen Eigentümers der Glashütte in Annathal Betty Novotna und kauft diese Glashütte. Da er über genügend Strom verfügt kommt er mit dem Gedanken, das rohe Glas mit dieser Energie zu schmelzen. Im Elektrizitätswerk baut er daher eine weitere Turbine ein, und mit dem Ofen helfen ihm Glasfachleute aus Nordböhmen. Das, in der Langendorfer Glashütte gefertigte Glas wird dann zum Schleifen nach Annathal gebracht. Zu der Zeit war dies erst der zweite elektrische Schmelzofen in der Tschechoslowakei. Schell bekommt dafür etliche Auszeichnungen, z.B. ein Diplom der Handels- und Gewerbekammer in Prag oder die Goldmedaille der Brüsseler Ausstellung im Jahr 1936.
In der zweiten Hälfte der 30-er Jahre wird geschrieben, dass sich im Eigentum von Karl Schell aus Langendorf eine moderne Fabrik für Zündhölzer mit einer eigenen Werkstatt, Stöpselfabrik, ein neuer elektrischer Glasschmelzofen, ein Sägewerk, und ein Elektrizitätswerk mit einer Leistung von 486,5 Pferdestärken (= 362,8 Kilowatt); weiter ein landwirtschaftlicher Betrieb mit 10-12 Wirtschaftstieren und insgesamt mit etwa 30 Hektar Landwirtschaftsfläche, befindet.
Im Jahr 1938 beschäftigte die Gesellschaft Schell & Neffe 220 Mitarbeiter, für die Karl auch Kultur- und Pflegeprogramme organisierte. Und das Alles schaffte er in zwei Jahrzenten, gerade als der Holzeinschlag wegen geringerem Bedarf rückläufig war, und viele der Einwohner Arbeitslos waren. In der Zeit herrschte in Langendorf reges Leben. Außer dem Amt des Bürgermeisters, der Kirche mit Friedhof, gab es hier eine achtklassige Grundschule, die Post, das Forstamt, die Gendarmerie und die Raiffeisenbank. Es wurden neue Wohnhäuser gebaut, entstanden sind Lebensmittelläden, eine Bäckerei, Metzgerei, Gärtnerei und auch viele weitere Gewerbe entwickelten sich erfolgreich. Zwischen den Weltkriegen gab es im Ort 4 Metzger, 3 Bäcker, 7 Wirtshäuser und eine Gärtnerei. Ihr Gewerbe betrieben hier auch Schuster und Schneider, 4 Zimmermänner, ein Schmied und ein Klempner. Es wird weiter die alte Mühle mit Walke, Hausnr. 46 von Jaroslav Hrabì erwähnt wo weiter gearbeitet wird, dagegen hat das örtliche Ziegelwerk ihren Betrieb eingestellt, und im Jahr 1907 schloss auch die Brauerei der Schwarzenbergs ihren Betrieb, den im Jahr 1872 Sibylle Pauli gepachtet hatte, und einen Ausschank von 36 Hektoliter hatte. Karl Schell hat das Kulturleben im Ort sowohl materiell wie auch finanziell unterstützt. Die, durch ihn geführte Feuerwehr mit modernsten Geräten und der stärksten Motorspritze, wurde für die Beste im Gau gehalten. Weit und breit war die Blaskapelle dieser Werksfeuerwehr bekannt, deren Instrumente zum Großteil von der Gesellschaft Shell gestiftet wurden. Schon im Jahr 1929 wurde im Schellsaal der erste Stummfilm aufgeführt und zwei Jahre später auch der erste Tonfilm. Der Theatergesellschaft, die Schell so liebte spendierte er kostenlos Bühnenarrangements, Kostüme und Räumlichkeiten. Sehr beliebt waren auch einige Proben während der Arbeitszeit, und zwar ohne Verdiensteinbußen, bei denen sich die zuhörenden Mitarbeiter ausruhen konnten. Neben den Amateurschauspielern gab es auch die Turngemeinschaft Jahn, eine Volkslieder- und Tanzgruppe und auch die Touristen hatten ihre Gruppe. Ein Großteil der Bevölkerung nahm regelmäßig an Kirchenveranstaltungen teil. Beliebt waren dabei die Pilgerwanderungen nach Schüttenhofen (Sušice) zur Kapelle des Schutzengels, man ging oder fuhr zum Heiligen Berg nach Freiberg (Pøíbram), berühmt waren auch die Pilgerreisen nach Rehberg (Srní) oder Bergreichenstein (Kašperské Hory) zur Mutter-Maria-Schnee-Kirche.
Als er am 2.6.1945 die Fabrik dem Tschechoslowakischen Staat übergeben sollte, beging er Selbstmord, durch Vergiftung. Ein Teil der Familie wurde nach Deutschland vertrieben. Karls Schwester Martha heiratete Schwarzenberger-Förster Emil August Van de Abele, beide blieben in Böhmisch Krummau (Èeský Krumlov) und wurden hier auch beerdigt.
Die Fabrik wurde verstaatlicht, und im Jahr 1950 dem Nationalbetrieb SOLO Sušice angeschlossen. Danach wurden hier Fensterrahmen oder z.B. Toilettendeckel hergestellt, später sogar Doppelleitern s.g. Stehleitern.

Ein Stückweit gegen den Strom entstand nach dem Kauf des Langendorfer Guts durch die Schwarzenbergs im Jahr 1800 ein Holzlager mir sehr großer Kapazität und eine Floßbinderei auf einer Fläche von fast neun Hektar. Auf der Lagerfläche wurde das geschwemmte 2-Meterlange-Scheitholz mit Schwemmhaken aus dem Wasser gezogen und in langen Reihen und hohen Stapeln gelagert. Zuerst musste es entkörnt werden, und die geschälte Rinde wurde von den Frauen der Holzarbeiter in Buckelkörben zum Heizen nach Hause getragen. Danach ließ man das Holz hier trocknen und später wurde es auf die, hier gebundenen Flöße geladen. Diese wurden in der Binderei gebunden. Der Wasserstrom in der Binderei konnte durch den Entwässerungs- und Beflutungskanal geregelt werden. Das Scheideholz wurde über zwei Antriebe, die an der Rechelbrücke beginnen, zum Lagerplatz geschwemmt. Das nicht so wertvolle Holz das s.g Schleifholz wurde hier direkt verkauft. Das meiste Holz wurde jedoch im Winter als die Bauern keine Arbeit hatten mit Pferdeschlitten nach Schüttenhofen zum Bahnhof gebracht und dort auf Eisenbahnwagen verladen. An der Arbeit beteiligten sich auch drei Gespanne aus dem Schwarzenberger Hof. Das Holz wurde meistens in die Spirova-Papierfabrik in Böhmisch Krummau transportiert aber auch anders wohin.

Aus der jährlichen Holzproduktion wurde nur ein geringer Teil gekürzt und einfach ins Wasser zum geschwemmten Brennholz geworfen. Ein viel größerer Teil kam zu den örtlichen Sägewerken (Vinzenzsäge, Maushäusl, Annathal) oder wurde entweder mit Pferdeschlitten oder Fuhrwerken auf den Floßplatz „Pauliwiese“ zwischen Unterreichenstein (Rejštejn) und Vinzenzsäge (Èeòkova Pila) transportiert. An dieser Einbindestelle werden die langen Stämme im Wasser zu Flößen von drei bis fünf Tafeln mit zusammen etwa 120 m3 eingebunden
Dazu verwenden die Flößer Wieden aus gedrehten Ästen oder dünnen Fichtenstangen (Drahtseile waren zu der Zeit noch nicht bekannt oder zu teuer). Um in kleinen und wenig tiefen Bergflüssen überhaupt mit dem „Brahm“ fahren zu können, musste man auf Hochwasser in der Schneetauzeit, oder auf lange und starke Regenzeiten warten. Es erfordert viel Erfahrung, Geschick und eine Bärenkraft um den langen Brahm im reisenden, manchmal eng gewundenen Gebirgswasser richtig zu steuern. Es konnte passieren, dass an einer seichten Stelle oder hochstehendem Fels das lange Gefährt hängen bleibt, und von der starken Strömung die Tafeln ineinander oder quer getrieben werden. Übermenschliche Anstrengung kostet es manchmal der nur vier Mann starken Besatzung, um sich aus diesem Schlamassel zu befreien. Oft müssen die Männer bis zur Brust im reißendem, eisigen Schmelzwasser stehen und mit Hebelstangen arbeiten. Ist das Hindernis überwunden, bleibt keine Zeit zum Wechseln oder Trocknen der Kleider, denn die Steuerung ist schwierig und benötigt dringend jeden Mann. Zwischenstation, mit kürzeren oder längeren Aufenthalten ist die Anlegestelle an der Rechelbrücke bei Neulangendorf, wo oft mehrere Flöße liegen, und auf einen günstigen Wasserstand für die Weiterfahrt warten. Das nächste Ziel und Endstation für die Mannschaft aus dem Böhmerwald ist der Anlegeplatz etwa 45 km flussabwärts bei Strakonitz (Strakonice), wo dann Tschechen mit dem Brahm von der Wottawa (Otava) in die Moldau (Vltava), bzw. bis nach Prag weiterfahren, oder sie halten entsprechend der Bestellung während der Fahrt. Kunde für die, im Akkord durchgeführten, Transportarbeiten war die Firma Möller aus Prag. Betriebsleiter war Franz Hofmann aus der Pauliwiese. Er war mit der Arbeitsorganisation an der Einbindestationen und der Vorlieferung betraut.


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