6 – Holzwirtschaft im Böhmerwald und im Bayrischen Wald

Der Ort Langendorf (Dlouhá Ves), ist im 13 Jahrhundert entstanden und konnte seinen größten Aufstieg nach dem Kauf dieses Guts durch die Schwarzenbergs erleben. Nach dem Vertrag vom 12.Juli 1800 kaufte der Fürst Josef Schwarzenberg das Gut Langendorf für 95 Tausend Goldene und gleichzeitig hat er es mit der vor kurzer Zeit gekauften Herrschaft Stubenbach verbunden, wobei der Sitz des Gutsherrn in Langendorf war und das Zentrum der Forstwirtschaft bleibt in Stubenbach (Prášily). Der Kauf des Gutes Langendorf hat in erster Linie den Zweck, eine große Lagerfläche für das geschlagene Holz aus den Grenzwäldern zur Verfügung zu haben, weiterhin um Siedlungsland für die dringend benötigten Holzfäller, Flößer und Hilfsarbeiter bei der Schwemme zu bekommen. Wie der Ingenieur Rosenauer geschätzt hat, würden für die Holzbearbeitung und -schwemmen 312 Holzarbeiter benötigt werden, und so ließ er in Langendorf 22 Doppelhäuser für 44 Familien bauen. Dieser neue Teil von Langendorf wurde Neulangendorf genannt, zum Unterschied von der ursprünglichen Bebauung, die man Altlangendorf nannte. Neue qualifizierte Mitarbeiter bekam er vor allem durch Anwerbung aus Bayern, Tirol und der Steiermark. Jeder neue Ansiedler bekam neben der Wohnung auch einen Stall für zwei Kühe, Jungvieh und Geflügel, daneben wurde ihm auch die notwendige Scheune und Schuppen vor dem Haus zugeteilt. Hinter dem Haus bekam er zwei Striche Garten als Eigentum und fünf Striche Wiese zur Pacht. Dafür waren die Ansiedler verpflichtet als Holzfäller zu arbeiten, und sie durften keine andere Arbeit annehmen. Das Neulangendorf wurde im Volksmund wegen ihren Einwohnern auch „Bojerhäusla“ genannt. Auch nach hundert Jahren haben die Ansiedler mit einem anderen Dialekt gesprochen als in Altlangendorf. Unterschiede waren auch in Lebensgewohnheiten. Ihr Leben war auch auf die damalige Zeit sehr schwer. Nach dem im Frühjahr die Felder bestellt waren, ziehen die Männer mit ihren Frauen und Kindern gemeinsam mitsamt den Kühen, Ziegen, Hühnern, Hunden und Katzen hinauf in den 35 Kilometer entfernten Bergwald. Von ihren schnell zusammengezimmerten Waldhütten aus gehen die Männer jeden Morgen ihrer schweren Holzfällerarbeit nach, während die ihre Frauen mit den älteren Kindern für Essen und Vieh sorgten. Im Sommer kehrten die Frauen allein nach Langendorf zurück und bringen mit den dort zurückgelassenen alten Menschen die Heu- und Getreideernte ein. Nach dieser Arbeit kehrten sie wieder, schwer beladen mit Essensvorräten zurück in den Wald zurück. Eine Frau, Theresia Anger trägt dabei einmal einen halben Zentner Mehl in ihren Buckelkorb und ein Halbjähriges Kind im Arm von Langendorf bis zum Pürstling (Bøezník) in neun Stunden hoch. Während der Jahre wurden im Wald richtige Holzhauersiedlungen von den Neulangendorfer Einwohnern gebaut, die auch nach ihnen benannt wurden wie z.B. Hetzendorf, Josefsstadt, Gollihütten, Schloußlhütte oder Bartlsepphütte. Nachdem das Holz vollständig geschlagen ist, werden sie wieder verlassen und der Wald ergrieft bald wieder Besitz von ihnen. Erst im Spätherbst kehren die Frauen wieder heim, während sich die Männer auf den bevorstehenden „Winterzug“ rüsten. Sorgfältig wurde das, im Sommer geschlagene Holz mit Handschlitten auf „Schneebahnen“ zu den Triftbächern gezogen.
Mit der eintretenden Schneeschmelze, beginnt zeitig die Frühjahrsholzschwemme zum großen Lagerplatz in Langendorf. Hier werfen die Arbeiter mit großem Schwung das schwimmende Holz mit Hilfe der s.g. Grisbeile aus dem Wasser ans Ufer. Dort wurde das Holz sortiert und wieder gesammelt. In diesem Zwischenlager trocknet das Holz aus, und so konnte man größere Verluste durch Senkholz vermeiden, also wenn angesaugtes, nasses Holz erneut wieder ins Wasser getaucht würde zum weiteren Schwemmen. Als gegen Mitte des 19 Jahrhunderts bei der Eisenbahn das Holz durch Kohle ersetzt wurde, geht die Schwemme zurück, und im Jahr 1860 wird sie ganz eingestellt. Mangels anderer Transportwege aus den Waldgebieten um den Mittagsberg (Poledník), Steindlberg (Ždánidla), Rachel (Roklan) und Lusen (Luzný), blieb die Holzschwemme bis zum Lagerort Langendorf noch bis zum zweiten Weltkrieg bestehen. Bei einem jährlichen Gesamtholzfall betrugen in dieser Zeit von etwa 80 000 m3, ca. 30 000 Flächenmeter Schichtholz, die in normalen Jahren auf dem Wasserweg beförderte. In Kalamitätsjahren, wie es im Jahr 1931 der Fall war, wurden in Folge von Sturm und Hagel insgesamt 131 000 Flächenmeter transportiert, das war auch die maximale Menge, die je abgebaut, transportiert und im Lager in Langendorf ans Ufer gezogen wurde. Für die Einwohner in Langendorf war der jährliche Trifft eine willkommene Saisonarbeit. Mit dem Transport des verkauften Holzes vom Lagerplatz zum Verladebahnhof in Schüttenhofen wurden neben den fürstlichen Gespannen später auch die des staatlichen Gutes, aber auch die Gespanne der Bauern aus Langendorf und Umgebung eingesetzt.
Als im Jahr 1848 die Bauernbefreiung vollzogen wurde, wollten sich die Einwohner in Langendorf, den verpachteten und zugesagten Grund von 5 Strich als ihr Eigentum eintragen lassen. Das Ergebnis war ein langjähriger Prozess mit der fürstlichen Administration. Den Langendörfern ging das Geld aus. So haben die meisten von ihnen ein Abkommen mit der Verwaltung abgeschlossen. Nur zwölf von ihnen haben den Prozess fortgeführt, haben jedoch verloren. Diesen Leuten nahm man den Grund, bis auf 250 qm um das Haus herum ab und hat ihn überwiegend an die Nachbarn verteilt, die bereit waren den Streit zu beenden. Da die Vertreter der Verlierer nicht mehr in den fürstlichen Wäldern arbeiten durften, waren sie Arbeitslos und in großer Not.
Die großartige Zeit der Holzschwemme war vorbei und auf einmal wurden all die Holzfäller nicht mehr benötigt, und so mussten sich die Langendorfer eine neue Arbeit suchen. Durch die stark aufkommende Industrialisierung wurden in Schüttenhofen (Sušice) zwei neue Zündholzfabriken gebaut (Fürst und Scheinhorst), drei Lederfabriken und eine Schuhfabrik (Schwarzkopf). So laufen täglich viele Menschen in ihren „Nejschln“ (Holzpantoffeln) den Weg nach Schüttenhofen vier Kilometer hin und zurück. Weil die Löhne sehr niedrig waren, haben sie daheim noch Zündholzschachteln hergestellt, 1 000 Stück für 6 Kronen. Die Erwachsenen arbeiten täglich 12 Stunden, und dazu musste man noch zwei Stunde für den Weg und die Hausarbeit rechnen. Oft mussten die älteren Kinder den Pflug und in der Erntezeit auch den Wagen ziehen, weil man die Kühe wegen der Milch schonen will, oder weil man sie nicht aus dem Wald holen konnte. Ein vier bis sechs Meter langes Seil wurde in einem Abstand von zwei Metern aufgeteilt, so dass an jeder Seite zwei Personen ziehen konnten.

Die erwähnten Nejschln hat in Langendorf zum Beispiel Willibald Müller aus dem Haus Nr. 103 hergestellt. Die Produktion hat sein Neffe Willi Jung, der hier geboren wurde, im Böhmerwald Jahrbuch 2006 (in tschechischer Übersetzung von Jan Mareš, Kohoutí køíž) beschrieben: „Wie wohl jeder weiß, gab es bei uns im Böhmerwald tatsächlich sehr viel Holz. Aber ebenso gab es bei uns viele Leute, die sich einfach keine Lederschuhe erlauben konnten. Und so kam man wieder zum Holz, aus dem man auch Schuhe herstellen kann, die man hier „Neischl“ (das entspricht dem tschechischen Dialektausdruck „mejšlata“, als Bezeichnung für Holzschuhe) nannte. Zu dem waren sie bei der Arbeit viel praktischer, als es die Lederschuhe waren. Es musste sich dabei aber um sorgfältig ausgewähltes Tannenholz handeln, dass schön gewachsen ist und keine Äste hat.
Im Haus Nr. 103 in Altlangendorf (Stará Dlouhá Ves) – diese Hausnummer gibt es heute noch – gab es eine solche „Neischl-Werkstatt“ also eine Werkstatt für Holzschuhe. Mein Onkel Willibald Müller, der nur „Binder Willibald“ genannt wurde, hat sein Gewerbe gut verstanden. An den Wochenenden hat er eben solche Holzschuhe für seinen eigenen Bedarf, wie auch für seine Verwandte und Bekannte hergestellt. Mein Vater Rudolf Jung, den man „Jokuberl Rudolf“ nannte, hat sich dieses Hobby ebenfalls angeeignet, und hatte „Neischls“ ebenfalls für sich und seine Familie gefertigt. Das Unterteil war aus Holz und das Oberteil aus Leder. Für dieses Handwerk waren aber auch verschiedene Werkezeuge nötig. Eine kleine Axt, eine kleine Säge, die bei uns „Sagl“ genannt wurde, weiter ein Stemmeisen, Bindermesser und Hohlmesser und nicht zuletzt eine Hobelbank (im Original „eine Hoazlbank“, im Internet kann man auch das Böhmerwald-Lied „Is das net die Hobelbank?“ inkl. der Noten finden, welches diesen Begriff belegt. Rindsleder für das Oberteil, wie auch spezielle Nägel gehörten zur Sache. Die Werkezeuge müssen immer scharf geschliffen sein und dazu war eine großes Handschleifband mit einer Kurbel, mit der wir Kinder drehen konnten, nötig. Das hat uns große Freude gemacht und wir konnten so manchen Kniff in der Holzbearbeitung lernen, an der wir, nur in einem ganz kleinen Maß, teilnehmen konnten.
Zuerst hatte man mit der Säge 35-40 cm lange Streifen geschnitten und diese dann auf etwa 10 cm starke und 20 cm breite Platten gemeißelt, die eine grobe Kontur der „Neischl“ hatten. Die Größe richtete sich nach der Vorlage der Fußsohle. Mit der Säge wird der Absatz geschnitten. Das Bindermesser wird zur groben Bearbeitung der Sohle und mit dem runden Stemmeisen wird das Fußbett bearbeitet. Für die feine Bearbeitung wurde das Hohlmesser verwendet.
Zum Schluss wird mit kleinen speziellen Nägeln das angepasste Leder festgemacht. Der Spannbereich und die Seiten wurden noch mit Lederstreifen verstärkt, damit das Reißen vom Leder vermieden wird und somit eine längere Haltbarkeit erreicht wird,“


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