8 – Bergreichenstein / Flusshaus

Als Flusshaus wurden die Glasbläsereiteile bezeichnet (sie waren nicht immer ein richtiger Teil des Gebäudes), wo man den „Fluss“ auch Pottache, „Salajka“ oder Kaliumcarbonat (K2CO3) hergestellte. Es war eines von den Zusatzstoffen, die man zur Glasherstellung brauchte. Den „Fluss“ bekam man nach dem Holzascheziehen. Die Herstellung, obwohl sie leicht aussah, erforderte eine große Menge an Holz. Der große Holzverbrauch für die Potacheförderung und auch bei einem üblichen Hüttenwerkbetrieb war eben der Grund, warum gerade der dicht bewachsene Böhmerwald zu einer der bedeutenden Glasproduktionslokalitäten wurde.

Vom 16. bis 17. Jahrhundert konzentrierten sich die Hüttenwerke in der Region von Bergreichenstein vor allem auf die Produktion von Perlen (auf tschechisch Pateøík), die zur Herstellung von Rosenkränzen dienten. Rosenkranz wurde damals auch als Rückgrat (auf tschechisch „páteø“) nach den ersten Wörten des Vaterunsers benannt („Pater Noster...“) und von daher kommt im Tschechischen die Bezeichnung „Páteøík“. Man fädelte die Glasmasse durch eine Eisenstange und so enstanden die Perlen. Aus technologischer Sicht war die Herstellung ziemlich einfach, doch verlangte sie einen geschickten und schnellen Glasbläser. Ein Glasbläser schaffte es angeblich pro Tag fünf bis zehn Tausend Perlen zu produzieren. In Bergreichenstein produzierten sieben Glasbläsereien Perlen. Von dort transportierte man sie weiter, am meisten nach Bayern. Es ist nicht sicher, wann genau die Perlenherstellung im Böhmerwald begann, höchstwahrscheinlich irgendwann seit der Hälfte des 14. Jahrhunderts. In Prag gibt es erste Erwähnungen von Perlenmachern zwischen den Jahren 1370 und 1393; dies umfasst aber nicht nur Glasperlen, sondern auch Perlen, die aus anderen Materialien hergestellt wurden (Holz, Knochen, Koralle, Bernstein, Trockenwacholder oder Nelke). Die Perlen aus dem Böhmerwald waren vor allem zum Export bestimmt – aus dieser Sicht war der Böhmerwald eine strategische Region, denn sie befand sich am Handelsweg zwischen Nürnberg und Prag. Gerade die Nürnberger Geschäftsleute waren für den Produktvertrieb der Böhmerwalder Hüttenwerke verantwortlich. Das Bündnis mit Nürnberg war in der Zeit der Hussitenkriege kompliziert, da der Papst den Handel mit den tschechischen Ländern verbot und die Nürnberger mussten gehorchten. So gingen im Böhmerwald fast alle Glasbläsereien unter. Erst nach den Hussitenkriegen und darauffolgender Situationberuhigung, d. h. in der Hälfte des 15. Jahrhunderts, kam es zur Erneuerung der Perlenherstellung. Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte sie ihre größte Popularität, diese dauerte aber nicht lange und die Hüttenwerke gingen wieder langsam zugrunde. Man handelte über die tschechisch-bayerische Grenze in großen Mengen mit den Perlen. Die Fässer dienten als Basismaß. In so ein Fass passten je nach Größe und Art 100 000 bis 200 000 Perlen hinein. Für die alltäglichen Handelsbedürfnisse rechnete man am meisten mit Beuteln die etwa 10 000 Stück umfingen. Der Preis variierte je nach Art und Herstellungsaufwand. Die Perlenarten unterschieden sich je nach dem, welche Position sie auf dem Rosenkranz hatten. Seit dem 15. Jahrhundert stabilisierte sich das Rosenkranzaussehen, wenn man für zehn kleinere Perlen „Zdravás“ betete und für jeden weiteren das Vaterunser. Die Kreuzchen am Ende des Rosenkranzes, häufig ebenfalls aus Perlen, waren für das Apostel-Bekenntnis bestimmt. Die einzelnen Rosenkranztruppen symbolisierten die Lebenzeitabschnitte von Jesus Christus und der Jungfrau Maria. In den Quellen kann man verschiedene deutsche Bezeichnungen der konkreten Typen finden – Zehner, Ihrer/Irer, Prambier/Pranpier (ein größerer Rosenkranz, in der Form einer Brombeere, es betete für sie das Vaterunser), Mittling und Schiller. Aus Bayern kam im Austausch gegen Perlen entweder Geld oder bestellte Ware für die Glasbläser oder zum weiteren Handel – Stoffe, Schleifsteine, Gewürze, Hirse, Wein oder zum Beispiel auch Religionsliteratur.

Hier am Nordabhang des Huská Berges in 950 m. ü. NN., stand mal eine Siedlung, die als Flusshaus bezeichnet wurde. Ihre Vergangenheit ist sehr eng mit der Glasindustrie verbunden, ähnlich wie bei den weiteren Orten an Abhängen des genanntes Berges. Man stellte hier die Pottache, einen notwendigen Rohstoff zur Glasproduktion, her. Es ist möglich, dass die Siedlung auch Gewinne aus dem Goldsteig, der durch den oberen Rand der Wiese führte, erbrachte.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Flusshaus von fünf Häusern gebildet. Ein großes mehrstöckiges Bauwerk (Hausnr. 6) mit einem Halbwalmdach, das mit einem klassischen Böhmerwalder Glockenhaus dekoriert wurde und innen die Wohn- und Wirtschaftsanlage kombinierte. Solche Häuser waren am meisten in dieser Siedlung zu sehen.Ein Wohnhaus, wo heute das Kreuz steht, gehörte ebenfalls zur Siedlung. Der zweite Bauernhof (Hausnr. 19.) lag höher an der Wiese. Zu diesem gehörte noch eine zweite Siedlung, diese ging aber bereits Anfang des 20. Jahrhunderts zugrunde. Im letzten winzigen Gebäude (gleich daneben, Hausnummer 6.) verarbeitete man die Pottache. Nach der Glasindustrieabnahme wurde dieser Bau wahrscheinlich zur Kapelle umgewandelt. Diese stand ungefähr auf dem gleichen Platz. Die Häuser wurden in den 50er Jahren abgerissen.

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